Schreiben in Zeiten des Hasses

[Recht ungeordnete Gedanken, während ich mich zwischen den Livetickern hin und her hangle.]

Das, was heute in Brüssel  geschehen ist und noch immer geschieht, trifft mich sehr. Großteile der ersten sechs Jahre meines Lebens habe ich dort verbracht; es war die unbeschwerteste Zeit meines Lebens. Anders als bei bspw. Paris oder Ankara berührt es meine Erinnerungen, mein emotionales Gedächtnis, es trifft Menschen, die ich kenne; es berührt mich auf einer persönlichen Ebene. Ohne, dass ich die Geschehnisse in den einzelnen Städten miteinander vergleichen oder relativieren möchte.

Ich bin schockiert.

Kurz bevor ich die Meldung las, saß ich an einer Szene des Flüsterns. Dort befinden wir uns in Azhantalya, einer Stadt am Rande der Klippen. Am frühen Morgen wurde sie von einem magischen Attentat erschüttert. Nun eilt meine Protagonistin Ashinari durch die fast menschenleer gewordenen Gassen. Ich wollte schreiben, wie sie die Stadt nur wenige Stunden nach der Tat erlebt. Ich wollte schreiben, wie sich die Stadt und Menschen in der nur sehr kurzen Zeit verändert haben. Welche Wunde in die Stadt gerissen wurde. Nun fühlt es sich falsch an. Wieder einmal.

Viele Autoren schreiben über den Terror, über Hass und Leid und das durchaus mit Berechtigung. Man schreibt über das, was einen bewegt, was einen nicht mehr loslässt. Doch ist es nicht auch pietätlos? Darf man solche Themen innerhalb eines Romanes verwenden, der, wie man schließlich zugeben muss, der Unterhaltung dient? Zu Zeiten, in denen Gewalt auch und vor allem in der Realität allgegenwärtig ist? Was gibt mir das Recht dazu, beurteilen zu wollen, wie man sich in solch einer Situation fühlt?

Aber: Darf man dann überhaupt über etwas schreiben, das man (zum Glück!) nicht selbst erlebt hat und das nicht nur von positiven Gefühlen geprägt ist? Warum schreibt man, was man schreibt? Unter anderem:

  • Um zu verarbeiten, was einen bewegt
  • Um ein Zeichen zu setzen, etwa auch der Verurteilung
  • Um eine Diskussion anzuregen
  • Um auf ein Thema aufmerksam zu machen
  • Weil einem das Thema Spaß bereitet

Letzteres will ich hier eigentlich ausschließen. Angst und Hass machen nicht Spaß. Die oberen genannten Punkte jedoch sind doch legitim, auch wenn sicher nicht alles immer zutrifft.

Jedes Mal, wenn etwas Schreckliches in der Welt passiert, das so ähnlich auch Teil meines Plots ist, werde ich unsicher. Darüber zu schreiben wird weder weitere Taten verhindern, noch überhaupt etwas dagegen tun können. Aber es ist Teil meiner Gedankenwelt und meiner eigenen Sorgen und Ängste.

Für heute werde ich mir definitiv eine andere Szene suchen, an der ich weiterschreiben kann, wenn ich heute denn noch weiter an dem Manuskript arbeiten werde.

Meine Gedanken sind bei den Brüsselern und den Angehörigen.

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7 Kommentare

  1. Ich kann gut verstehen, dass es dir jetzt schwer fällt, diese Szenen zu schreiben. Aber es ist keineswegs falsch, darüber zu schreiben. Im Gegenteil, Bücher können da gut zum Nachdenken anregen und Parallelen zur realen Welt ziehen. Und natürlich darf man da auch über Dinge schreiben, die man selbst noch nie erlebt hat, aus den von dir genannten Gründen. Um eigene Ängste zu verarbeiten, um auf Themen aufmerksam zu machen, um Diskussionen anzuregen – es wäre ja furchtbar, wenn das nicht mehr möglich wäre.

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  2. Ich kann deine Gedanken verstehen. Und deine Fragen stelle ich mir oft, wenn ich schreibe, oder auch lese bzw. Serien schaue. Immerhin sind manche Inhalte schon sehr grenzwertig, wenn es z.B. um die Crime-Serien geht, oder im Bereich Fantasy um Gewalt an sich. *hustG.R.R. Martinhust*
    Andererseits: Wie du ja sagst, es gibt vielfältige Gründe, so zu schreiben. Aufklärung. Verurteilung. Problematisieren.
    Und leider gehört es ja auch ein Stück weit dazu, mit Kunst die Wirklichkeit abzubilden oder zu verarbeiten.

    Ich schließe mich dir an und bin in Gedanken bei den Menschen in Brüsseln.

    Gefällt 1 Person

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