Bücher: Eine Liebe wie gedruckt

Der Wert des ordentlich gedruckten Buches sinkt scheinbar dahin wie der arme Artax im Sumpf aus Kindertränen. Schnöde, schwarze Worte auf totem Baum, die Ecken zerknickt und mit hastig geschriebenen Namen des Noch-Besitzers auf der Schmutztitelseite – wer will ein Buch aus zweiter Hand schon käuflich erwerben? Hat man überhaupt noch Platz in der Designerwohnung und kann man es nicht viel einfacher und vor allen Dingen handlicher als E-Book herunterladen? Längst sind dröge, staubverhangene Zeiten für das Buch angebrochen, das lediglich noch als „Bildungsprotzerei“ taugen mag, als schwindende Erinnerung an die glorreichen Tage voller Stolz und Poesie.

Das zumindest könnte man fast meinen, wenn man Artikel wie diesen liest, in dem sich Michael Allmaier von einigen Büchern trennt, sie feierlich einem Büchermann überreicht und das Geschrieben dabei in graue Farben taucht. In Billyregalen tummelten sich bei ihm Bücher noch und nöcher, nicht alles gelesen, vieles auch inhaltlich kaum noch lesbar, viel zu viel Ballast also, der zwischen einem selber und der Freiheit steht. Buchmessietum könnte man es nennen, denn natürlich kauft man trotz des horrenden SUBs noch ein neues dazu. Und noch eines. Und noch eines. Wer weiß, vielleicht färbt das dort verborgene Wissen ja auch ungelesen ab?

BücherregalUnd auch ich schaue voller Schuld über meine rechte Schulter. Billyregale. Vier Stück. Doppelreihig mit Büchern beseelt, doch immerhin bleibt noch Luft für Figuren und allerlei Kleinkram, der das Bild auflockert. Auf dem Bild nicht zu sehen: Die kleine Sammlung an „Fachliteratur“ über die Videospielkultur. Diese Kleinode verbringen ihren Lebensabend fachgerecht neben dem Gameboy und dem NES samt Spielen. Dabei misten wir regelmäßig aus – dafür sind Umzüge schließlich da. Warum aber können wir uns trotzdem so schlecht von Büchern trennen? Wollen wir damit angeben? Aber sollten wir die Regale dann nicht lieber in den Flur stellen anstatt sie ins Arbeitszimmer zu verbannen? Glauben wir wirklich, dass das dort so hübsch geballte Wissen sich durch die Luft auf unsere Gehirne überträgt? Ist es die Gewissheit, dass man sich jederzeit eines greifen könnte? Doch warum dann keine virtuelle Bibliothek, ein kleiner, handlicher Reader, der uns überallhin begleiten kann?

Die Vorteile eines solchen Readers liegen natürlich auf der Hand: Transportabel, leicht, auf Dauer vermutlich günstiger, die Suchfunktion ist sicher nett, ebenso wie die möglichen Notizen und zudem kann man unter anderem Schriftgröße und Hintergrundfarbe ändern. Für mich wird es dennoch das gedruckte Wort bleiben – ganz gleich, wie viel Wert das eigentliche Buch noch hat. Ich möchte die Seiten mit den Fingern umblättern, – Vorsicht, manche müssen beim Lesen nun ganz stark sein – Eselsohren machen, mit dem Kugelschreiber an den Rand schreiben und mich in zehn Jahren bei Sichtung des Kaffeefleckes, der die „Red Wedding“ überflutet hatte, an den waghalsigen Sprung der Katze erinnern, die ihn verursacht hat. Manche reden vom „Duft frisch gedruckter Seiten“, von einem fast erotisch anmutenden Erlebnis beim Lesen. Da kann ich jedoch nicht mitreden. Ich rieche nicht an Büchern.

Ich liebe es, den Blick über die Regale schweifen zu lassen und in den Erinnerungen zu schwelgen, die die Buchrücken auftauchen lassen. Manchmal greife ich ins Regal, ziehe ein Buch daraus hervor und blättere ein Weilchen darin herum. Einfach so. Oder sitze davor und freue mich, dass die Wand dahinter nicht weiß ist. Bücherregale sind eben irgendwie auch ein schöner Wandschmuck. Wenn wir unsere Bücher aussortieren, verkaufen wir nur die besonders gut aussehenden Exemplare. In 99% aller Fälle sind das selbstverständlich die Bücher meines Freundes. Er ehrt das Buch und würde bei einem Eselsohr oder gar einem Knick im Buchrücken vermutlich einen kleinen Schwächeanfall erleiden. Sehr gerne spähe ich auch in Bücherregale von anderen Menschen, wie ich gestehen muss. Man ist, was man liest. Naja. Nicht ganz. Ich bin weder ein Schaf, ein Auftragskiller noch ein „Tänzer im Frost“, bin weder eine Unterhaltungskünstlerin, noch eine Intellektuelle.Bücher3

 

Derweil brennt in den Kommentaren des Artikels und in mancher Facebook-Diskussion ein kleiner Krieg zwischen bibliophilen Buchschnüfflern und E-Book-Enthusiasten. Das eine sei besser als das andere, die Gegnerseite ohnehin total angeberisch und doof und Recht hat eh nur der, der die meisten Fremdwörter kennt. Ist das nicht kontraproduktiv? Sollte man sich nicht einfach darauf besinnen, was das Buch ausmacht: Die Worte, die Geschichte, das Herzblut des Autoren? Ist es dem Konsumenten letztlich nicht egal, wie Hans-Huber von nebenan seinen Roman genießt, ob als gedrucktes Buch, als E-Book oder Hörbuch? Solange ich friedlich sammeln darf und das gedruckte Buch die nächsten Jahrzehnte noch überdauert – und sei es nur noch für unsere Generation – bin ich zufrieden.

Als ich das Regal vorhin fotografiert hatte, fiel mein Blick übrigens auf ein Buch der zweiten Reihe. „Nibelungenlied und Gudrun“ in einer mittlerweile zerfledderten Ausgabe von 1929. Und ich muss mich korrigieren: Ich rieche doch an Büchern, kann zumindest nicht den Duft leugnen, der mir entgegen schwappte als ich das Buch aufklappte: Nach uralter Bibliothek, alten Lustigen Taschenbüchern, nach Kindheit und Sagen. Ein kleiner Zauber wohnt ihnen doch noch inne, diesen Büchern. Und da können für mich (noch) keine digitalen Zeichen mithalten.

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